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Nürtinger Zeitung vom 18.01.2005
"Das
ist ein massiver Eingriff in die Kulturszene"
Freie Kulturträger sind empört über die Zuschussvergabekriterien
des Ausschusses und hoffen, dass die Entscheidung revidiert
wird
NÜRTINGEN. Einen Sturm der Entrüstung hat die Entscheidung
des Kultur-, Schul- und Sozialausschusses über die Zuschussvergabe
aus dem städtischen Kulturfonds ausgelöst.
Die freien Kulturträger empfinden die von der konservativen
Mehrheit im Ausschuss durchgeboxten Vergabekriterien als
glatte Ohrfeige. Bei einer Pressekonferenz gestern im
katholischen Gemeindehaus St. Johannes machten Vertreter
der betroffenen Vereine und Chöre ihrem Ärger Luft. Man
hofft, dass mit dieser Entscheidung das letzte Wort noch
nicht gesprochen ist und das Thema nochmals auf den Tisch
des Gemeinderates kommt. ANNELIESE LIEB
Als Bemessungsgrundlage für die Zuschussvergabe wurde
auf Vorschlag der CDU erstmals das vom Veranstalter erhobene
Eintrittsgeld herangezogen. Diese neue Vergabepraxis hat
die freien Kulturträger wie ein Blitz aus heiterem Himmel
getroffen. Verwundert ist man vor allem darüber, dass
das Nürtinger Konzertensemble (NKE) quasi ungeschoren
davon kam und auch die Rücklagen des NKE (35 000
Euro) nicht berücksichtigt wurden. "Für mich ist
diese Bemessungsgrundlage unterhalb der Gürtellinie"
ärgert sich Andreas Merkelbach, Kantor an St. Johannes,
maßlos.
"Was machen wir falsch, wenn wir das gleiche tun?"
fragt sich Dorothea Watzlawik, die Zweite Vorsitzende
des Coro per Resistencia, wenn sie die Chorarbeit mit
der des Nürtinger Konzertensembles vergleicht. 1998 habe
der Coro gemeinsam mit dem Konzertensemble das erste Opern-Air
aufgeführt. Über Spenden, Sponsoren und Kredite der Chormitglieder
habe man damals den Auftritt finanziert. "Es endete
mit einem Defizit von über 16 000 Mark. Der städtische
Zuschuss betrug damals 5000 Mark", so Watzlawik.
Das Nürtinger Konzertensemble erhalte jetzt für sein Opern-Air
28 000 Euro, versucht sie die Ungleichbehandlung
aufzuzeigen. "Mit 500 Euro Zuschuss können wir nicht
arbeiten", sagt Chormitglied Wolfgang Klausnitzer.
Die beiden verweisen darauf, dass der Coro den Namen von
Nürtingen weit über die Stadtgrenzen hinaus getragen habe
und belegen dies mit einer langen Liste. Angefangen bei
der Konzertreihe in Polen mit dem Kreisjugendring, dem
Chortreffen in Montpellier, der musikalischen Umrahmung
einer Feier des Landkreises zum 50. Jahrestag der Gründung
des Staates Israel, der Kooperation mit einem französischen
Ensemble mit Auftritten im Elsass und in Nürtingen oder
einem Gedenkkonzert zum 70. Jahrestag der Machtergreifung
und Verfolgung der Nürtinger Antifaschisten, um nur einige
Highlights zu nennen.
10 000 Euro Defizit bei Coro-Konzert
Am kommenden Samstag führt der Coro Michael Tippetts
Oratorium "A Child of Our Time" in der Nürtinger
Stadtkirche auf. Das bevorstehende Konzert, so Watzlawik,
mit fünf Solisten und 40 Musikern koste inklusive der
Ausgaben für Miete, Werbung und Noten etwa 10 000
Euro. "Hinzu kommen die laufenden Kosten für den
Chorleiter mit knapp 5000 Euro pro Jahr." Demgegenüber
stünden Eintrittsgelder in Höhe von 2500 Euro. "Bleiben
mehr als 10 000 Euro, die der Chor aufbringen muss."
Die dem Vernehmen nach von Thaddäus Kunzmann entwickelten
Förderrichtlinie "entspringen einem überaus fragwürdigen
Kulturverständnis." Der Coro, so Watzlawik, plane
zum 8. Mai eine Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag
des Kriegsendes. Werde nun das Eintrittsgeld zur Bemessungsgrundlage
für den Zuschuss erhoben, seien solche Veranstaltungen
in Zukunft nicht mehr möglich.
Auch Kai Hansen, seit Oktober Vorsitzender des Kulturvereins
Provisorium, fragt sich, welches Kulturverständnis einer
solchen Entscheidung zu Grunde liege. Er sieht nicht nur
einen Verlust der kulturellen Vielfalt auf die Stadt zukommen,
man vertue damit auch die Chance, Studenten, die nicht
so viel Geld für Konzerte ausgeben könnten, an die Stadt
zu binden. Hansen ärgert, dass die Stadt die Eventkultur
des Konzertensembles mit 28 000 Euro unterstützt,
und andere Kultur-Veranstalter, die für Vielfalt sorgen,
abstraft. Dass die Zuschüsse nun radikal zusammengestrichen
wurden, schmerzt den Kulturverein doppelt, da ihm im neuen
Domizil unter der Stadthalle auch die Möglichkeit genommen
worden sei, Einnahmen durch Kneipenbetrieb zu erwirtschaften.
"Nach einem Jahr im Keller" scheint der Frust
beim "Provi" groß zu sein.
15 Jahre vielfältige Kultur aufgebaut
Der Kulturverein habe in den zurückliegenden 15 Jahren
dazu beigetragen, in Nürtingen eine vielfältige und anerkannte
Kultur aufzubauen. Dass diese Arbeit nun abgestraft werden
soll ("ich fühle mich verschaukelt"), dagegen
wollen sich Hansen und die Provianer wehren. In Nürtingen,
so Andreas Mayer-Brennenstuhl, habe es schon Tradition,
dass die Mehrheitsfraktion spalte. In anderen Gemeinden
im Hohenlohischen, so Mayer-Brennenstuhl, der Dozent an
der Kunstakademie Schwäbisch Hall ist, laufe das ganz
anders. Die Kunstakademie mache zusammen mit Kommunen
Projekte, bei denen man die volle Unterstützung der Stadt,
des Handels und von Sponsoren habe. "Wir sind in
Nürtingen am falschen Ort", sagte Mayer-Brennenstuhl
auch in Bezug auf die Fachhochschule für Kunsttherapie
und das Kulturverständnis in der Stadt ganz allgemein.
"Eine führende kräftige Hand muss das auf die Reihe
bringen", hoffen die Provi-Mitglieder auf ein Einlenken
durch OB Heirich.
Auch der Trägerverein Freies Kinderhaus Nürtingen hofft,
dass der Gemeinderat die Entscheidung des Kultur-, Schul-
und Sozialausschusses in Sachen "Interkunst"
nochmals überdenkt. Helmut Bürger hat die Anschuldigung
von Werner Griesinger, dem Fraktionsvorsitzenden der Freien
Wähler, die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Dass dem
Trägerverein Freies Kinderhaus bei der Vorbereitung der
"Interkunst" Abzocke vorgeworfen wird, sei starker
Tobak. Abzocken, so Bürgers Interpretation heiße ohne
Gegenleistung Geld auf dubiose oder gaunerische Art abzukassieren.
In der großen Politik möge dies möglich sein, spekulierte
er, doch im konkreten Fall habe Fraktionschef Griesinger
wohl etwas verwechselt. Der Finanzierungsplan für die
Kulturveranstaltung sei mit viel Erfahrung erstellt und
sowohl von der Kulturstiftung des Landes als auch der
LBBW geprüft worden. Der Verein empfinde die parteipolitische
Sprache diffamierend und rufschädigend. Wenn der Chef
der Freien die "Interkunst" ablehne, weil die
Veranstaltung nicht seinem Kulturverständnis entspreche,
solle er dies sagen und sich nicht hinter unhaltbaren
Anschuldigungen verstecken. "Wir erwarten, dass Herr
Griesinger seine Aussagen mit Beweisen belegt oder sich
entschuldigt", so Helmut Bürger gestern in der Pressekonferenz.
Globalangriff auf kulturelle Vielfalt
Für ihn, so der Vorsitzende des Trägervereins, sei es
unbegreiflich, mit welcher Vehemenz der Angriff geführt
worden sei. Schließlich kenne doch auch Griesinger die
Arbeit der Kikuwe, die bei vielen Stiftungen Anerkennung
finde und in der Vergangenheit bei Wettbewerben regelmäßig
mit Preisen bedacht worden sei. Die "Entgleisung",
so die Vermutung der freien Kulturträger, sei wohl in
Zusammenhang mit dem Globalangriff auf die kulturelle
Vielfalt zu sehen. "Kunzmann und Co. wollen wohl
unter dem Deckmantel des Sparzwangs nicht nur Zuschüsse
kürzen, sondern auch die Kriterien ändern." Bürger
sieht eine reine Machtpolitik hinter der Entscheidung.
Unterm Strich sei nicht gespart worden, sondern nur eine
andere Werteverteilung erfolgt. Bürger, Pit Lohse und
Julia Rieger von der Kikuwe hoffen, dass das letzte Wort
hier noch nicht gesprochen ist und der Gemeinderat dieses
"bornierte Machtgehabe" durchschaue und korrigierend
eingreife.
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