Nürtinger Zeitung 13.januar
2005
Finanzieller Tiefschlag für die "alternative"
Kultur
Kultur-, Schul- und Sozialausschuss hat das Zuschusspaket
für die freien Kulturträger neu geschnürt
und dabei manch herbe Absage erteilt
NÜRTINGEN. Alle Jahre wieder ist nicht nur Weihnachten,
sondern wiederholt sich im Nürtinger Gemeinderat
der Streit um den Kulturfonds der Stadt. „Sparen“
lautet die Devise. Doch ganz offensichtlich weiß
von den Kommunalpolitikern niemand, wie es gelingen soll.
Ein Musterbeispiel für Lippenbekenntnisse war einmal
mehr am Dienstag die Sitzung des Kultur-, Schul- und Sozialausschusses.
Mit satter Mehrheit der CDU und der Freien wurde den „alternativen“
Kulturträgern ein finanzieller Tiefschlag erteilt
und gleichzeitig an das Konzertensemble, das in diesem
Jahr im Stadthallenhof die Oper „La Traviata“
aufführt,
28 000 Euro ausgeschüttet. Rechnet man den Mietausfall
- bei Regen zieht das „Opern-Air“ ins K3N
um - für die Stadthalle (12 000 Euro) noch hinzu,
ist die im Dezember beschlossene Deckelung des Kulturfonds
auf die letztjährige Summe (40 000 Euro) unterm Strich
schon wieder Schnee von gestern.
ANNELIESE LIEB
Der Haushalt 2005 der Stadt Nürtingen befindet sich
in gravierender Schieflage. Rund 4,5 Millionen Euro fehlen
zum Ausgleich. Alle Fraktionen haben in den Haushaltsplanberatungen
die Notwendigkeit zum Sparen betont. Doch dabei ist es
bisher auch geblieben. Die aktuelle Debatte um den Kulturfonds
hat gezeigt, wie schnell die eigenen Vorsätze verworfen
werden.
Einig war sich die Ratsrunde, die Förderanträge
neu zu strukturieren (Antrag SPD). So wurden von der Verwaltung
die Anträge der Nürtinger Frauenrunde und des
Frauenrates, der evangelischen Kirchenpflege für
die Jugendarbeit im Roßdorf, des Jugendhauses am
Bahnhof für ein Projekt Gewaltpräventionstage
und der Stadtkapelle für das Tattoo separat behandelt.
Den Wünschen der Antragsteller wurde entsprochen.
2000 Euro für den Frauenrat
Der Frauenrat erhält, wie von der SPD-Fraktion beantragt,
2000 Euro, festgeschrieben auf die nächsten drei
Jahre. Die Jugendarbeit im „Pegasus“ im Roßdorf
wird von der Stadt (einstimmiger Beschluss) mit 3200 Euro
bezuschusst. Unterstützt werden auch die Gewaltpräventionstage
2005, eine gemeinsame Initiative der Steuerungsgruppe
„Offene Jugendarbeit“ und des „Arbeitskreises
präventive Kinder- und Jugendarbeit in Nürtingen“.
Der Stadtkapelle werden 2005 die 700 Euro (Bühnenaufbau
für das Tattoo durch den Bauhof) nicht in Rechnung
gestellt, sondern als Zuschuss verrechnet.
Heftig gestritten wurde wieder um die Zuschüsse für
die so genannten „alternativen“ Kulturträger.
Insbesondere der Vorschlag der CDU-Fraktion, die Zuschusshöhe
nach dem Verkauf der Eintrittskarten zu bemessen, stieß
bei der SPD und der Nürtinger Liste/Grüne auf
harsche Kritik. Die CDU hatte empfohlen, ein Drittel der
Einnahmen aus dem Kartenverkauf sollten als Zuschuss gewährt
werden.
Bürgermeister Siebert riet, von diesem Vorschlag
Abstand zu nehmen. Schließlich, so Siebert, handle
es sich bei den in den Anträgen genannten Eintrittsgeldern
um Planzahlen und damit bestehe die Gefahr, dass auf Grund
dieser Annahmen Zuschüsse gewährt würden,
die nicht der Realität entsprächen. „Damit
begeben wir uns ins tiefste Gewässer der Kulturpolitik“,
warnte Bürgermeister Siebert, diesen Maßstab
anzulegen, „und am Ende holen wir uns den ,Blauen
Bock‘, weil der den größten Zuspruch
findet.“ Und dies, so Siebert, sei ja wohl auch
nicht im Sinne des Erfinders.
Die kulturelle Vielfalt, so der Bürgermeister, trage
schließlich auch zum Profil der Stadt bei.
Nachhilfe für die CDU-Fraktion
Nachhilfe in Sachen Rechtschreibung erteilte Peter Rauscher
(Nürtinger Liste/Grüne) der CDU-Fraktion. Den
Kulturfonds, so Rauscher, schreibe man am Ende mit „s“.
Der Fond sei das, was Werner Pflum für seine Gäste
zubereite. Peter Rauscher brach eine Lanze für die
„Nischenkultur“, das Konzert des Coro per
Resistencia sei schließlich nicht weniger bedeutend
als das Opern-Air des Konzertensembles. Die Entscheidung,
wem man wie viel Zuschuss gewähre, hänge letztlich
auch von der klimatischen Wirkung ab. Rauscher sieht hier
auch die Frage tangiert, ob die Fachhochschule für
Kunsttherapie letztlich in Nürtingen bleibe. „Zerstört
ist sehr schnell, aber wieder aufgebaut sehr langsam.“
Reinhold Rauscher (CDU) empörte sich darüber,
dass Peter Rauscher immer auf Hans-Peter Bader und dem
Konzertensemble herumhacke.
Auch SPD-Stadträtin Bärbel Kehl-Maurer hält
eine erfolgsorientierte Förderung für sehr gefährlich:
„Die Vielfalt und Weiterentwicklung der Kultur wird
dadurch beeinträchtigt.“ Wer etwas Neues ausprobieren
wolle, brauche die Förderung, betonte Bärbel
Kehl-Maurer und verwies auf den Antrag der SPD zur Verteilung
der Mittel und zur Strukturierung des Kulturfonds. Die
SPD will mit ihrem Diskussionspapier zu mehr Transparenz
beitragen und eine inhaltliche Schwerpunktbildung bei
der Zuschussvergabe ermöglichen.
Es gibt auch andere Beispiele
Dr. Andreas Brodbeck (Freie Wähler) bezweifelt, dass
eine erfolgsorientierte Förderung zu einem einspurigen
Kulturangebot führt. Es gebe genügend Veranstalter
in Nürtingen, die nicht nur Mainstream-Kultur anböten
und trotzdem keinen Zuschussantrag bei der Stadt stellen
würden.
Regine Glück (Nürtinger Liste/Grüne) hat
der CDU-Antrag erschreckt. Kultur habe man bisher nicht
nur an Masse und Zahlungsfähigkeit der Besucher bemessen,
sondern auch an der Klasse. Die Unterdrückung jeder
Nischenkultur hält sie für einen Rückschritt.
Das Kulturprogramm habe sich bislang durch seine Vielfalt
ausgezeichnet. „In einer Kleinstadt muss auch in
Zeiten finanzieller Knappheit alles seinen Platz haben,
sonst reduzieren wir uns selbst“, appellierte Glück
an das Kulturverständnis der Ratskollegen.
Das Kräftemessen entschieden am Ende die mitgliederstärksten
Fraktionen CDU und Freie Wähler, teilweise mit einer
Stimme Mehrheit, für sich. Über jeden Antrag
wurde einzeln abgestimmt. Das Nürtinger Konzertensemble
erhält 28 000 Euro Zuschuss. Die evangelische Kantorei
wird 2005 mit 2300 Euro Zuschuss bedacht. Für die
katholische Kantorei gibt es indes eine Nullrunde, sie
hatte ihren Antrag zu spät eingereicht. Fürs
Kindertheater des Freien Kinderhauses bewilligte der Ausschuss
einstimmig die beantragten 750 Euro. Der Kulturverein
Provisorium muss bei seiner Reihe „Borderlines -
Jazz und mehr“ mit 900 Euro anstatt der beantragten
5000 Euro auskommen. 500 Euro anstatt 2500 Euro (Antrag)
bekommt der Coro per Resistencia. Das Duo Voccord wird
mit 300 Euro unterstützt, die Kinderkulturwerkstatt
erhält für das mobile Theaterprojekt 1800 Euro
Zuschuss und für die Nürtinger Schulen wurden
3000 Euro für kulturelle Veranstaltungen bewilligt.
Matthias Dehlinger, Ortsvorsteher von Zizishausen, fühlte
sich in der letzten Gemeinderatssitzung im Jahr 2004 zu
dieser Karikatur inspiriert. Auch am Dienstag im Kultur-,
Schul- und Sozialausschuss bot sich den Zuhörern
ein ähnliches Bild. Peter Rauscher und Reinhold Rauscher
lieferten sich einmal mehr heftige Wortgefechte.